Abschiedsrede vor der UNO in Genf

Sie alle wissen, dass dies nach fast 20 Jahren meine letzte Teilnahme an einer Sitzung der Specialized Section on Standardization of Dry and Dried Produce ist. Am 28. Februar 2003 wird definitiv mein letzter Arbeitstag sein. Ich habe Sie heute eingeladen, nicht um etwa um jetzt schon Abschied zu nehmen, sondern um meinen Dank für eine langjährige vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit zum Ausdruck zu bringen.

Als mich meine Regierung 1984 zum ersten Mal zur Trockenfruchtsitzung schickte, hatte ich, der ich vom Frischobstsektor komme, ehrlich gesagt wenig Ahnung von dem, um was es hier geht. Die Normen sehen zwar auf den ersten Blick ähnlich aus, wie die für frisches Obst und Gemüse. Vielmehr als auf dem Frischsektor gilt es in dieser Sparte, gewachsenen Traditionen im internationalen Handel und regionalen Besonderheiten behutsam, aber bestimmt Rechnung zu tragen. Das macht die Arbeit nicht unbedingt einfacher.

Als Unbedarfter hatte ich beim Studium der meist sehr komplizierten Toleranztabellen bei meiner ersten Teilnahme - forsch wie ich war - eine aus meiner Sicht „geniale“ Idee, wie man die Tabellen vereinfachen und leichter verständlich machen könnte. Meinen Vorschlag vorgetragen, wies Dr. Tanno vom ICE darauf hin, dass man dies schon vor zehn und nochmals vor fünf behandelt habe, aber aus Gründen, die er ausführlich erläuterte, nicht umsetzen könne. Enttäuscht und mit dem Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben, meinte ich in einer Kaffeepause entschuldigend zu ihm, dass ich ihn ob seines Wissens und seiner Erfahrung beneide. Darauf Dr. Tanno in seiner trockenen Art: „Wenn Sie meine Erfahrung hätten, dann wären Sie auch so alt, wie ich!“ 20 Jahre später, kann ich behaupten, zwar viel dazu gelernt zu haben, gestehe aber gerne ein, dass ich längst nicht alle Zusammenhänge in der recht komplexen Struktur des internationalen Handels mit Trockenfrüchten durchschaue.

Nicht nur für mich, sondern bestimmt auch für alle Delegierten, waren die Sitzungen außerhalb von Genf, so 1984 im spanischen Reus, 1989 in Hamburg, für deren Organisation ich verantwortlich zeichnete, 1997 in Istanbul und 1998 in Grenoble, wo ich stellvertretend für die Expertengruppe zum Ritter geschlagen wurde, mit Exkursionen zu Plantagen, Packstationen, Aufbereitungsbetrieben, Versuchsanstalten und Labors äußerst aufschluss- und lehrreich. Die hierbei gewonnen Erkenntnisse trugen maßgeblich dazu bei, das Hintergrundwissen um das beim Knacken, Trocknen, Sortieren und Verpacken unvermeidliche Auftreten von Mängeln und Fehlern an Nüssen und Trockenfrüchten zu vertiefen.

Ich habe viele Sekretäre der ECE kennen und schätzen gelernt, so die Herren Littmann, Cannon, Frau Jacab und nun Herrn Heiland, den ich gerne als „unser Super Tom“ bezeichnen möchte, denn er hat in besonderem Maße dazu beigetragen, die Arbeit der Gruppe deutlich dynamischer zu gestalten, als dies früher der Fall war. Ich habe ebenso viele Vorsitzende erlebt, so die Herren Augeai, Herrn Hirsch, einen Herren aus dem Vereinigten Königreich, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere und Herrn Monastra, dessen Souveränität, die Sitzungen zu leiten, ich stets bewundert habe.

Zurückblickend darf ich feststellen, dass sich in all den Jahren nicht nur das politische Weltklima zum besseren gewendet hat, auch die Arbeit in der Gruppe hat sich deutlich gewandelt. Gingen die Delegierten anfangs in den Pausen und abends ihre eigenen Wege, so trifft man sich heute in kleinen Gruppen oder geschlossen zu einem Glas Wein oder zu einem gemeinsamen Arbeitsessen. Selbst die unvermeidlich lange Mittagspause oder die kurzen Kaffeepausen werden zu intensiven bilateralen Arbeitsgesprächen genutzt, die maßgeblich dazu beitragen, die Standpunkte vorab abzuklären und somit helfen, den Sitzungsverlauf zu versachlichen und zu beschleunigen.

Mir war es als Vorsitzender dieser Gruppe ein großes Anliegen, nicht nur den Geist des neuen Deutschlands zu repräsentieren, das ein gleichberechtigter Partner in der Völkergemeinschaft sein möchte, sondern ich wollte auch dazu beitragen, dass die Standards, die in Genf erarbeitet werden, weder direkt noch indirekt irgendwelche Handelsbarrieren darstellen. Ein gutes Beispiel hierfür, ist der kürzlich erfolgte erfolgreiche Abschluss der Revision der Norm für Walnüsse, die für alle Produzentenländer der Welt ein tragbarer Kompromiß darstellt und die erst nach zahlreichen Arbeitsgesprächen vor den Sitzungen auf den Weg gebracht werden konnte.

Zwar kann und darf man die Interessen der Erzeuger nicht außer Acht lassen, auch muss ein auf das Mindestmaß beschränkter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bei der Abfassung der Mindesteigenschaften und der Toleranzen der einzelnen Normen beachtet werden, an erster Stelle bei der Formulierung der Normentexte stand für mich immer der Verbraucherschutz. Mein Ziel war es, dem Konsumenten über die UN-Standards ein qualitativ hochwertiges, sicheres und gesundes Produkt anzudienen, das er in Verbindung mit einer fairen und objektiven Kontrolle unbedenklich verzehren kann und immer wieder nachfragt. Eine damit verbundene Umsatzsteigerung kommt schließlich allen Seiten zu Gute, den Erzeugern, Ex- und Importeuren, dem Handel („Industry“) allgemein und der gesundheitsbewußten Ernährung der Verbraucher. Den Verbraucher, insbesondere Kinder und Jugendliche, dazu zu bewegen, mehr naturbelassene Nüsse und Trockenfrüchte als geballter Fittmacher für Geist und Körper als Zwischendurchsnack zu verzehren, sollte unser anzustrebendes Ziel auch in der Zukunft bleiben.

Einige UN-Standards wurden und weitere werden den Status von EG-Normen erhalten. Der Slogan der ECE „STANDARDS FOR QUALITY“ ist mehr denn je eine Verpflichtung für alle Beteiligten. Die Anpassung des Standard Layouts für Trockenfrüchte und seiner Anhänge zur Bestimmung des Feuchtigkeitsgehaltes an in den letzten 30 Jahren geänderte Erkenntnisse und Methoden konnte in meiner Amtsperiode auf den Weg gebracht werden. Alle Labors weltweit werden zukünftig ausschließlich nach den neuen Richtlinien vorgehen müssen, was den internationalen Handel erleichtern wird und unberechtigte Reklamationen ausschließen sollte. Die EG-Kommission wird noch in diesem Jahr den gerade verabschiedeten Anhang II des Standard Layouts in europäisches Recht umsetzen. Eine meine ersten Amtshandlungen war es, die antiquierten Titel der Normen an die im Handel gebräuchliche Formulierung anzupassen, so wurde aus „Decorticated Nuts“ „Nut Kernels“ und aus „Unshelled Nuts“ „Inshell Nuts“, übrigens als Resultat eines Gespräches mit einem bedeutenden Exporteur am Rande der Sitzung in Istanbul.

Nicht alles, was ich mir vorgenommen habe, konnte in der Kürze der Zeit verabschiedet werden. Was aus meiner Sicht noch fehlt, ist ein weltweit einheitliches Probenahmeverfahren für die Durchführung von amtlichen und privaten Kontrollen der Produkte auf innere und äußere Qualität. Den Anstoss zur Bildung einer solchen kleinen Arbeitsgruppe habe ich gegeben. Mein Anliegen ist es, eine entsprechende Richtlinie schnellstmöglich zu erarbeiten und zu verabschieden, deren Anwendung - insbesondere vor der ersten Verladung - letztendlich auch der Erhöhung der Lebensmittelsicherheit dient.

Ein Vorsitzender und der Sekretär der ECE können immer nur so gut sein, wie die Delegierten im Plenum. Sie sind ohne Ausnahme eine Gruppe, die sich durch eine konstruktive und sachliche Zusammenarbeit auszeichnet. Hierfür und für Ihre Geduld und für Ihr Verständnis meinen Unzulänglichkeiten gegenüber, gilt an dieser Stelle noch einmal mein besonderer Dank. Vielen Dank auch für die mir überreichten Abschiedsgeschenke. Ich habe den damit verbundenen Wink verstanden und verbürge mich, mein Versprechen zu halten.

Ich wünsche dem neuen Vorsitzenden viel Erfolg bei seiner Arbeit, dem Sekretariat und allen Delegierten, dass Sie ihre Tätigkeit im Geist der vergangenen Jahre zum Wohle eines freien Welthandels und zum Schutze der Verbraucher fortführen und damit dazu beitragen, dass die Normungstätigkeit bei der ECE international den Stellenwert behält, den sie heute schon genießt.

Ihr
Wilfried Staub

Zurück